[Draus bei Schleswig vor der Pforte]

[326] Draus bei Schleswig vor der Pforte

Wohnen armer Leute viel,

Ach des Feindes wilder Horde

Werden sie das erste Ziel.

Waffenstillstand ist gekündet

Dänen ziehen ab zur Nacht,


[327] Russen, Schweden stark verbündet,

Brechen her mit wilder Macht.

Draus bei Schleswig steht vor allen

Weit ein Häuslein ausgesetzt.


Draus bei Schleswig in der Hütte

Singt ein frommes Mütterlein,

Herr, in deinen Schoß ich schütte

Alle meine Angst und Pein.

Doch ihr Enkel ohn' Vertrauen,

Zwanzigjährig neuster Zeit,

Hat den Bräutigam zu schauen

Seine Lampe nicht bereit.

Draus bei Schleswig in der Hütte

Singt ein frommes Mütterlein.


Eine Mauer um uns baue

Singt das fromme Mütterlein,

Daß dem Feinde vor uns graue

Hüll' in deine Burg uns ein.

Mutter, spricht der Weltgesinnte,

Eine Mauer uns ums Haus

Kriegt unmöglich so geschwinde

Euer lieber Gott heraus.

Eine Mauer um uns baue:

Singt das fromme Mütterlein.


Enkel fest ist mein Vertrauen,

Wenn's dem lieben Gott gefällt,

Kann er uns die Mauer bauen,

Was er will ist wohl bestellt.

Trommeln rommdidomm rings prasseln

Die Trompeten schmettern drein,

Rosse wiehern, Wagen rasseln,

Ach nun bricht der Feind herein,

Eine Mauer um uns baue

Singt das fromme Mütterlein.


[328] Rings in alle Hütten brechen

Schwed' und Russe mit Geschrei,

Lärmen, fluchen, drängen, zechen.

Doch dies Haus ziehn sie vorbei.

Und der Enkel spricht in Sorgen

Mutter, uns verrät das Lied.

Aber sieh, das Heer vom Morgen

Bis zur Nacht vorüberzieht.

Eine Mauer um uns baue

Singt das fromme Mütterlein.


Und am Abend tobt der Winter

An das Fenster schlägt der Nord

Schließt den Laden, liebe Kinder,

Spricht die Alte und singt fort

Aber mit den Flocken fliegen

Vier Kosakenpulke an.

Rings in allen Hütten liegen

Sechzig, auch wohl achtzig Mann.

Eine Mauer um uns baue

Singt das fromme Mütterlein.


Bange Nacht voll Kriegsgetöse,

Wie es wiehert, brüllet, schwirrt,

Kantschuhhiebe, Kolbenstöße.

Weh, des Nachbars Fenster klirrt

Hurrah, Stupai, Boschkai, Kurba,

Vinu, Gleba, Biba, Rack

Schreit und flucht und plackt die Turba.

Erst am Morgen zieht der Pack.

Eine Mauer um uns baue

Singt das fromme Mütterlein.


Eine Mauer um uns baue

Singt sie fort die ganze Nacht.

Morgens ward es still, o schaue

Enkel, was der Nachbar macht!

Auf nach innen geht die Türe,

[329] Nimmer käm' er sonst hinaus.

Daß er Gottes Allmacht spüre,

Lag der Schnee wohl mannshoch draus.

Eine Mauer um uns baue,

Sang das fromme Mütterlein!


Ja der Herr kann Mauern bauen.

Liebe fromme Mutter komm,

Gottes Mauer anzuschauen,

Sprach der Enkel und ward fromm.

Achtzehnhundertvierzehn war es,

Als der Herr die Mauer baut,

In der fünften Nacht des Jahres

Hat's dem Feind vor ihr gegraut.

Eine Mauer um uns baue.

Sing' ich mit dem Mütterlein.


Quelle:
Clemens Brentano: Werke. Band 1, München [1963–1968], S. 326-329.
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Clemens Brentano
EAN 9783843001199, 274 Seiten

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